S7 - Club der Souveränen ·
Raus aus der US-Cloud
Willkommen zur ersten Ausgabe des S7, dem Club der Souveränen.
Alle zwei Wochen schreiben wir hier auf, was bei AWARE7 auf dem Weg raus aus der US-Cloud wirklich passiert. Auch das, was dabei schiefgeht, davon gibt es genug. Konsequenterweise verfassen und verschicken wir diesen Newsletter übrigens in Klartext. In dieser Ausgabe: warum ein abgeklemmtes E-Mail-Konto in Den Haag unsere Cloud-Strategie stärker geprägt hat als jede Beratung, und was passiert, wenn man sein komplettes Wissensmanagement kurz vor dem ISO-Audit austauscht.
Viel Spaß beim Lesen.
UNTER KUMPELN: Raus aus der US-Cloud, rein ins kalte Wasser
2025 haben wir beschlossen, den US-Cloudanbietern den Rücken zu kehren. Das klingt jetzt nach einem Strategiemeeting mit Whiteboard und Vision-Statement. War es nicht. Es war eher eine Sammlung von Momenten, die sich irgendwann zu einer Entscheidung addiert haben.
Da war die Unsicherheit rund um Trump und die Frage, was US-Zugriffsgesetze eigentlich für die Daten unserer Kunden bedeuten. Da waren Rechnungen, die jedes Jahr höher wurden, für Features, die bei uns niemand jemals angeklickt hat. Und dann kam der Moment, der die Diskussion beendet hat: Microsoft klemmte dem Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofs das E-Mail-Konto ab, nachdem die USA ihn auf ihre Sanktionsliste gesetzt hatten. Ein Gericht in Den Haag, ausgebremst per Knopfdruck aus Redmond, der Mann wich auf Proton aus. Microsoft verteidigte sich damit, man habe nur US-Sanktionen umgesetzt. Genau das ist der Punkt: Sie mussten. Und sie müssten es bei jedem von uns auch.
Wir wussten, worauf wir uns einlassen. Self-Hosting löst keine Probleme, es tauscht sie: Statt der Probleme von Microsoft und Google haben wir jetzt die des Self-Hostings. Hardware, Updates, Verantwortung, alles liegt bei uns. Und billig ist das auch nicht: Als wir eingestiegen sind, kostete eine Grafikkarte noch 6.000 EUR. Heute stehen 14.000 auf dem Preisschild. Trotzdem würden wir es wieder so machen, denn diese Probleme sind wenigstens unsere eigenen. Nicht alles läuft bei uns on-prem, aber 95 Prozent sind heute selfhosted.
Der größte Brocken dabei: Confluence und Jira waren seit Unternehmensgründung im Einsatz. Das gesamte Firmenwissen, alle Projekte, alles drin. Beides haben wir ersetzt, durch BookStack und OpenProject. Und weil wir es offenbar gerne spannend mögen, haben wir das kurz vor dem Rezertifizierungsaudit der ISO 27001 durchgezogen. Wir können bestätigen: Es ist spannend. Es ist auch stressig. Ob wir das Timing empfehlen würden? Fragen Sie uns in der nächsten Ausgabe, da erzählen wir, wie das Audit gelaufen ist.
Ein praktischer Hinweis für alle, die den gleichen Weg noch vor sich haben: Als wir unsere Jira-Daten nach OpenProject geholt haben, gab es dafür nur das Werkzeug eines Hobby-Entwicklers. Mit ein bisschen Anpassung hat das bei uns gut funktioniert. Mittlerweile bringt OpenProject einen eigenen Jira-Migrator mit (https://www.openproject.org/docs/installation-and-operations/jira-migration/) der die umfangreichen Informationen aus Jira deutlich runder rüberholt. Sie haben es heute also leichter als wir.
SCHLÄGEL & EISEN: BookStack
In dieser Rubrik geht es ums Werkzeug. Wir kommen aus Gelsenkirchen, da nimmt man sowas ernst.
Heute: BookStack (https://www.bookstackapp.com/) unser Confluence-Ersatz. Vorweg die ehrliche Ansage, damit hier keiner mit falschen Erwartungen migriert: BookStack ist deutlich minimalistischer und hat bei weitem nicht den Funktionsumfang von Confluence. Kein Makro-Zoo, keine hundert Add-ons.
Für uns ist das kein Mangel. Es ist nämlich genau dieser Funktionsumfang, der Confluence für viele Teams so schwer macht. Die Hälfte der Features hat bei uns nie jemand benutzt, bezahlt haben wir sie trotzdem. BookStack macht Wissensmanagement und sonst nichts, und damit kommen wir im Alltag super klar. Was uns an Automatisierung gefehlt hat, haben wir mit n8n selbst drangebaut, das läuft seitdem ohne Murren.
Empfehlung aus dem eigenen Betrieb: Wer sein Wiki hauptsächlich zum Schreiben und Finden von Wissen benutzt (also: fast jeder), verliert beim Umstieg weniger, als er denkt.
ERFAHRUNG AUS DEM CLUB
Fällt in dieser ersten Ausgabe aus, denn dafür brauchen wir Sie: Wenn Sie eine Frage oder eine eigene Erfahrung rund um digitale Souveränität, Migration oder Sicherheit umtreibt, schreiben Sie mir direkt, antworten Sie einfach auf diese Mail. Die spannendsten Themen nehmen wir uns hier künftig vor, konkret und mit Handlungsschritten statt Beratersprech.
Glück auf,
Chris
